Über den Tod hinaus

 

 

 

 

 

 

Den ganzen Tag schon liege ich hier. Völlig matt. Oh, wie gern würde ich zurückkehren. Zu ihr. Meiner Seelenverwandten, meiner Freundin, meinem Menschen. Und zu den Kindern. Stattdessen liege ich hier, durch Spritzen schachmatt gesetzt, und lasse zu, dass Flüssigkeit durch einen Schlauch in meinen kleinen schmerzgequälten Körper läuft. Wozu? – fragt ihr das wirklich? Vielleicht sollte ich euch das erklären... von Anfang an erklären.

Ich wurde an einem sonnigen Augusttag geboren. Meine Mama war wunderschön, gütig, aber auch streng. Sie lehrte mich zu fressen, zu jagen und das Klo zu benutzen. Sie war da sehr penibel drin. Wenn ich mich übergab, weil ich zu viel gefressen hatte, dann schimpfte sie mich und schleppte mich auf das Katzenklo. Nach einem kleinen Klaps erklärte sie mir jedoch geduldig, dass die Menschen es nicht mögen, wenn man sich einfach auf dem Perser erleichterte. Das es wirklich so war, wie meine Mama mir erklärte, erfuhr ich als unser Mensch eines Tages mit nackten Füssen in mein Erbrochenes trat. Uiui, hat der geflucht. Mama sagt immer, fluchen darf man nicht. Aber er hat es trotzdem getan, und Mama hat mir die Ohren zugehalten. Bei diesem Menschen gab es immer so leckere Sachen zum Fressen... Es hat zwar fürchterlich gestunken, aber lecker waren diese Fleischbröckchen mit weißer Soße wirklich.

Schlimm war der Tag, als mich unser Mensch einfach in eine Plastiktüte packte. Ich weiß nicht, was ich getan hatte. Aber er packte mich am Kragen, steckte mich in diese verdammte Tüte, und band diese zu... ich schaukelte, ich weiß nicht warum, aber es schaukelte so sehr, das mir schlecht wurde. Zum Glück dauerte es nicht allzu lang, sonst hätte ich wahrscheinlich in diese Tüte gekotzt. Gute Dosenöffner holten mich aus dieser Tüte. Wirklich nette Dosenöffner waren das. Doch auch sie wollten mich nicht. Sie ließen mich in einen Käfig sperren, ganz allein saß ich darin. Mittlerweile wurde es draußen kühl, früher dunkel, und die Blätter verfärbten sich von ihrem satten Grün in viele bunte Farben. Doch ich sah es nicht. Alles was ich sah, war diese dämliche Käfigtür. Und diese anderen kleinen Katzen, die mit ihrer Mama zusammen auf dem Boden umhertollen durften. Als Ausgleich bekam ich allerdings leckeren Quark, denn ich mit einer wahren Inbrunst vom Tellerchen leckte. Doch ich vermisste meine Mama.

Als die Tür aufging und drei Dosenöffner den Raum betraten hängten sich diese kleinen Biester sofort an die Beine der Menschen. Schrecklich, dachte ich, wie die sich anbiedern. Ich sah kurz auf, und widmete mich dann wieder meinem Quark. Da war sie.... meine Mama hatte mir einmal erzählt, wenn der richtige Mensch für dich kommt, wirst du es spüren. Du wirst wissen, das ist er. Dein Seelenverwandter. Ich spürte ihren hellen Schein bis in mein tiefstes inneres. Bis in mein kleines Katzenherz hinein. Ganz fest. So hell, so klar, so leuchtend und so nah. Sie war es. SIE. Niemand sonst konnte es sein. Spürte sie es auch? Da, sie sah mich an. Spürte sie, dass wir beide zusammen gehörten, wie das Grün zu der Wiese? Spürte sie diese Nähe? Genau so wie ich sie spürte? Ich hoffte es. Ich wollte zu ihr. Doch statt an der Käfigtür zu klappern, schleckte ich weiter meinen Quark, und beobachtete sie aus den Augenwinkeln.

Nein! Sie gingen hinaus. Sie und die beiden anderen. Enttäuscht legte ich mich vor meinen Teller. Sank in mich zusammen. Sie hatte diese Nähe nicht gespürt, nicht gefühlt, dass nur wir beide füreinander bestimmt waren. Aber wie konnte das sein? Sie musste es doch gefühlt haben. Ich lag vor meinem leeren Quarkteller und überlegte, ob es vielleicht besser gewesen wäre, an der Käfigtür zu klappern, als die drei zurückkamen. Mit so einem Plastikding. Mit Tür. Sie nahmen mich aus dem Käfig, und steckten mich in dieses Plastikding. Mein Herz tat einen Sprung. Sie hatte es doch gefühlt. SIE, diese hellhaarige Menschin, dieser Dosenöffner hatte die Verbindung zwischen uns gefühlt, und wollte diese aufrechterhalten. Sie nahmen mich mit. Und ich erzählte ihr unterwegs, wie dankbar ich ihr war, diesem verdammten Käfig entkommen zu sein. Und dass ich sie liebte. Auf den ersten Blick, den ersten Geruch hin, liebte.

Ich war nicht ihre erste Katze, das roch ich sofort. Als wir mein neues Zuhause betraten roch ich zwei andere wie mich. Wie meine Mama mich erzogen hatte, stolzierte ich selbstbewusst aus dem Plastikteil, gab erst einmal den beiden neugierigen Katzen eins auf die Nase, und erkundete mein Zuhause. Hörte sich gut an. Zuhause. Ich spürte es so sehr. Ich war nach Hause gekommen. Mein Revier.

So vergingen die Jahre. Wir wechselten die Reviere. Immer wieder. Es kamen weitere Menschen hinzu. Kleine Menschen, die quietschten, bis meine Ohren weh taten. Menschen, die nicht wussten, wie man eine Katze streichelt. Menschen, die an meinem Fell zogen, in meinen Ohren puhlten, meine Schnurrhaare langzogen. Doch ich liebte sie, denn sie gehörten zu IHR. Zu meinem Menschen.

Mein Mensch war wie eine Mama zu mir. Wenn es mir schlecht ging, tröstete sie mich. Sorgte für mich, wenn ich krank war. Bis heute. Immer. Und ich war voller Vertrauen. Wußte, solange sie bei mir ist, kann mir nichts schlechtes widerfahren.

Bis heute.

Heute weiß ich es besser. Ich habe Schmerzen. Seit es dunkel wurde. Ich lag auf meinem Platz oben auf dem Schrank, als es anfing. Krämpfe durchschüttelten meinen kleinen Körper. Und ich wusste es. Ja, ich wusste, das sie mir dieses mal nicht helfen konnte. Ich zog mich von ihr zurück. Unter den Schrank. Ganz hinten in die Ecke. Dort litt ich die ganze Nacht. Bis der Morgen graute. Bis ihre zärtliche Hand mich dort hinauszog. Sie mir weinend über den Kopf strich. Oh mein armer Mensch. Wie gern wollte ich dich trösten. So wie immer, wenn du traurig warst, und weintest. Doch ich brachte die Kraft dafür nicht auf. Ich maunzte schwach. Und sie streichelte mich, während sie mich in diese verfluchte Plastikbox bugsierte. Dort war ich sicher. Ich spürte die Sicherheit der Plastikwände. Hörte wie dieser kleine Mensch, den ich in mein Herz geschlossen hatte, weinte. Wie er fragte, ob der Tierarzt machen könne, dass es mir wieder besser ging. Und ich hörte die zuversichtlichen Worte meines Menschen. Doch im Gegensatz zu dem kleinen Menschen hörte ich die Zweifel heraus. Tief im innern glaubte sie nicht daran. Und das war auch gut so. Denn ich glaubte auch nicht daran.

Sie brachte mich heute morgen zu dem Tierarzt. Ich mag ihn. Er ist nett. Er ist ruhig. Und man merkt, dass er Tiere liebt. Das er mich liebt. Sie stand neben dem kalten Metalltisch auf dem dieser Plastikkäfig stand. Sie streichelte mich zärtlich. So wie sie es immer getan hat. Mein Leben begann durch sie. Der andere grosse Mensch nennt sie Buffy. Mich nennen sie Spike. Oder einfach nur Dicker. Und ich hörte die leise Hoffnung in ihrer Stimme. Hörte, wie sie dem Tierarzt sagt, er sollte alles versuchen. Und wie sie sich verabschiedete. Mit ihren tränenden Augen versuchte sie dennoch eine feste Stimme heraus zu bekommen. Doch konnte sie mich nicht täuschen. Und sich selbst nicht. Sie versuchte es, weil sie den kleinen Menschen dabei hatte. Dieses kleine Wesen. Auch ihn liebe ich. Weil er zu ihr gehört.

Ich bekam Spritzen. Damit ich ruhig blieb. Damit diese verdammten Schläuche ihre Flüssigkeit in meinen Körper laufen lassen konnten. Man nahm mir Blut ab. Und immer wieder dieser sorgenvolle Blick des Arztes. Der liebenswerten Helferinnen. Die mich immer wieder beruhigten, wenn der Arzt eine neue Flasche mit Flüssigkeit an diesen Schlauch hing, mir eine neue Spritze setzte. Den ganzen Tag verbrachte ich im Halbschlaf. Ich weiß, bald werde ich mit der großen weißen Katze über die Felder jagen. Ich weiß es. Spüre es.

So, wie ich vor acht Wintern gespürt habe, dass sie meine Seelenverwandte ist.

Ich spüre wie sich Dunkelheit über mich senkt. Doch ich kämpfe um mein Bewusstsein. Ich kann nicht einfach gehen. Nicht so. Nicht ohne ihr gesagt zu haben, dass ich sie liebe. Ich kann einfach nicht. Ich muß stark bleiben. Bis sie zurück kommt. Und ich weiß, sie wird zurückkommen. SIE hat es mir gesagt. Diese Helferin nimmt den Teil des Korbes in dem ich liege. Entfernt die Schläuche. Endlich. Ist sie gekommen? Ich wage es kaum noch zu hoffen.

Ich werde in das Zimmer zurückgetragen. Und ich spüre wieder diese Helligkeit. Dieses Licht. Diese Wärme. Ja, sie ist da. Sie streichelt mir sacht über den Kopf. Salzige Tränen rinnen aus ihren Augen. Sie weint. Um mich? 

Sie sagt mir immer wieder, dass sie mich liebt. Und das sie bei mir bleiben wird. Bis zum Schluß. Danke, mein Dosenöffner. Danke, dass du da bist. So fällt es mir leichter zu gehen. Für immer zu gehen. Deine Tränen benetzen mein Fell, als du mir einen Kuß auf meine Stirn gibst. Doch deine Gegenwart tröstet mich. Du bist so nah bei mir. Kraulst mich unter dem Kinn, während der Arzt die Spritze setzt. Meine letzten Gedanken bevor ich einschlafe sind, dass du da bist. Das du immer für mich da warst. Und mich auch jetzt, in meinen letzten Minuten nicht alleine lässt. Ich schlafe.

Ich träume von dir.

Als der Arzt die Todesspritze setzt spüre ich nichts, außer wie meine Seele sich aus dem Körper befreit. Alle Schmerzen sind davongeweht. Deine Nähe spüre ich immer noch. So hell, so klar, so deutlich wie mein ganzes Leben lang. Und ich weiß, was du dem Tierarzt geantwortet hast, als er dich fragte, ob du lieber draußen warten würdest.

„Ich habe die Verantwortung für diesen kleinen Kerl übernommen. Im Leben, im Sterben und ... sogar über den Tod hinaus...

Danke!

Jede Nacht, werde ich dich im Traum besuchen, dich trösten. Denn ich weiß, dass du viel weinst. Ich weiß, dass du mich nicht vergessen kannst. Nie vergessen wirst. Deinen kleinen graugetigerten Spikey. Doch glaube mir. Es geht mir gut. Ich jage mit der großen weißen Katze über die grünen Felder. Verscheuche die Mäuse. Und habe auch schon deinen alten Gefährten Angel kennen gelernt. Deinen Hund. Den du genauso geliebt hast, wie mich. Und den du auch nach 17 Jahren nicht vergessen hast. Ich weiß, du wirst dich in 17 Jahren auch an mich noch erinnern. Und immer noch werden dir Tränen in den Augen stehen, wenn du von mir erzählst. Denn wir zwei sind Seelenverwandt. Und ich werde nie vergessen, dass du mich geliebt hast. Und lieben wirst. Bis zum Ende deiner Tage. Wenn auch du zu uns kommst, mit uns spielst, uns wieder kraulst und streichelst.

Denn du liebst uns. Angel und mich.

... bis über den Tod hinaus!

 

Leider ist mir der Autor nicht bekannt. Wenn jemand weiß, wer diese Geschichte geschrieben hat, bitte ich um Info. Danke.

 

 

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